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Workaholics – Krankheit oder Spleen?

Jonas Kern war ganz oben. Hatte es geschafft. An die vierzig Mitarbeiter unter sich, Ansehen und Respekt der Chefs, den Arbeitsplatz sicher. Denn ohne ihn, ohne seine 70, 80 Stunden, die er Woche für Woche der Arbeit widmete, was würde wohl aus der Firma? Ein Großteil des Kapitals des Unternehmens befand sich ganz einfach in Kerns Kopf.

Privat? Alles bestens. Verheiratet, zwei Kinder, alle zwei Wochen Familiensonntag im regelmäßigen Wechsel: Fußball mit Kevin, Mandy beim Ballett oder Reiten zusehen, Essen gehen mit Simone.

Drogen? Nichts Illegales, kein Alkohol, keine Zigaretten, nur Kaffee, wenn wieder einmal die Nacht durchgearbeitet werden musste.

Keine Drogen, keine Sucht? “Papa, warum bist du eigentlich ein Workaholic?” Kern hatte gelächelt, als Kevin das Wort, das er in der Schule aufgeschnappt hatte, präsentierte. Seine Frau nicht. Am Abend die unausweichliche Diskussion mit den absehbaren Argumenten. Hoher Lebensstandard, Selbstverwirklichung und Anerkennung gegen Bluthochdruck, Gereiztheit und Entfremdung von der eigenen Familie.

Und der fatale Satz. “Du musst aufpassen, dass deine Kinder nicht irgendwann Onkel zu dir sagen und den Milchmann Papa nennen!” war Simone in ihrer Erregung herausgerutscht. “Aber wir haben doch gar keinen Milchmann”, war alles, was Kern einfiel, bevor er seine Situation grundlegend überdachte.

Sein Lebenswandel ist nicht nur ein Stil, den man mögen kann oder nicht, sondern inzwischen als Krankheit anerkannt. Der “Workaholic” leidet unter einer Sucht, er braucht seine Arbeit wie der Junkie die Nadel. Und spielt in Extremfällen ebenso wie letzterer mit dem Tod. Bereits 1990 hat das japanische Arbeitsministerium bestätigt, dass Arbeitssucht mit dem Leben bezahlt werden kann. Die Betroffenen sterben meist an Herzversagen, Herzinfarkt oder Hirnschlag. In gibt es über 350 Behandlungszentren, die den Workaholics das übermäßige Ackern abgewöhnen sollen.

Typisch japanisch? Vielleicht. Nichtsdestotrotz aber auch hierzulande präsent. Die Universität Bonn hat fünf Typen von Arbeitssüchtigen ausgemacht:

   

1.      den Überfordert-Zwanghaften, der sich auszeichnet durch Angstgefühle hinsichtlich seiner Arbeit, zwanghaft ritualisiertes Arbeiten, Entscheidungsschwierigkeiten, Verbissenheit und Unzufriedenheit.

2.      den Verbissenen, der zufrieden ist mit seiner Arbeit, keine Verantwortung oder Arbeit delegieren kann, extrem viel arbeitet, seine Ansichten um jeden Preis durchsetzen will und Probleme im zwischenmenschlichen Bereich hat;

    

 

3.      den Überfordert-Unflexiblen, der eben das ist – er fühlt sich durch seine Arbeit überfordert, versucht, dies durch längere Arbeitszeiten zu kompensieren, ist dabei aber nicht in der Lage, auf neue Situationen spontan zu reagieren;

    

 

4.      den Entscheidungsunsicheren, der Rückabsicherung braucht, trotz seiner großen zeitlichen Belastung noch über Freizeit verfügt und insgesamt das geringste Maß an Krankheit aufweist.

 

 

 

 So viel zur Krankheit, die unter Umständen schon durch bewusstes Umdenken und Umstrukturieren des Lebens und durch ausführliche Gespräche mit dem Partner oder der Partnerin geheilt oder gemindert werden kann. Hilft das nichts, so sollte ein Psychotherapeut aufgesucht werden.

  

 

Und in der Zwischenzeit? Die Stunden im Büro sollten sich doch wenigstens auszahlen, sei es nun in Euro oder in Zeit in Form von Freizeitausgleich. Welche Rechte hat ein Arbeitnehmer, der ständig über seine vertraglich fixierte Arbeitszeit hinaus arbeitet?

   

 

Die Antwort kann hart sein: Je nachdem, wie er arbeitet, hat er unter Umständen überhaupt keine Rechte. Typisch für Workaholics ist, dass sie ihre Zusatzarbeit heimlich verrichten. Grundvoraussetzung für eine Vergütung ist aber, dass die Zusatzleistung vom Vorgesetzten angeordnet oder zumindest geduldet worden ist. Für die Duldung lassen die Gerichte teilweise die Kenntnis des Vorgesetzten ausreichen, teilweise verlangen sie, dass die Zusatzleistung sachdienlich war und in Kenntnis zugelassen wurde. Kommt es zum Streit vor Gericht, so muss der Arbeitnehmer diese Voraussetzungen beweisen.

  

 

Die Arbeitszeiten sind in der Regel in den Tarifverträgen, Betriebsvereinbarungen oder einzelnen Arbeitsverträgen geregelt, Betriebe haben meist eine Regelarbeitszeit. Findet sich in all diesen Quellen nichts (nur sehr selten der Fall), so kann der Arbeitgeber die Dauer einseitig bestimmen. Das bedeutet indes nicht, dass er über die Zeiten seiner Angestellten wie ein Lehnsherr völlig frei verfügen kann. Das Gesetz setzt ihm enge Grenzen – er muss die Zeiten generell und nicht von Tag zu Tag oder von Woche  zu Woche festlegen und muss sich dabei von billigem Ermessen, das die Richter nachprüfen können, leiten lassen.

  

 

Über die so festgesetzte Dauer hinaus ist der Arbeitnehmer grundsätzlich nicht verpflichtet, weitere Arbeit zu leisten. Das bedeutet für den Workaholic aber natürlich auch das Gegenteil – er kann nicht fordern, mehr arbeiten zu dürfen.

  

 

Ausnahmen zu Gunsten des Arbeitgebers kann es geben, wenn sich aus Tarifvertrag, Betriebsvereinbarung oder Einzelarbeitsvertrag ein bestimmtes Überstundenkontingent ergibt, dass der Arbeitgeber einseitig fordern kann oder wenn Notfälle, Naturereignisse oder andere unvermeidliche Störungen die Arbeit notwendig machen.

  

 

Auch aus der betrieblichen Treuepflicht kann sich die Pflicht zu weiterer Arbeit ergeben. Bei Angestellten kann sich die Pflicht aus einer ergänzenden Auslegung des Arbeitsvertrags ergeben.

 

 

Und – wiederum schlecht für Workaholics, die meist in gehobenen Positionen arbeiten – leitende Angestellte haben in der Regel keine festen Arbeitszeiten, so dass sie auch nicht über diese hinaus arbeiten und dafür etwas verlangen können. Ihre “Mehrarbeit” wird üblicherweise bereits durch die allgemeinen Modalitäten des Arbeitsvertrags abgedeckt. Eine Zusatzvergütung können sie allenfalls dann verlangen, wenn sie außerhalb ihres eigentlichen Aufgabenbereiches zusätzliche Arbeit übernehmen.

  

 

Leitender Angestellter ist, wer

   

 

1.      Vorgesetzter von mindestens 20 Arbeitnehmern ist;

   

 

2.      hochqualifizierte Tätigkeit verrichtet;

    

 

3.      Einstellungs- und Entlassungsbefugnisse hat und

   

 

4.      Arbeitgeberfunktionen ausübt.

   

 

Hat der Arbeitnehmer, der für seine Zusatzarbeit endlich auch eine Gegenleistung sehen will, all diese Hürden genommen, so gilt folgendes:

  

 

Das Gesetz unterscheidet zwischen “Mehrarbeit” und “Überstunden”.

   

 

Mehrarbeit ist die Arbeit, die die gesetzliche Höchstarbeitszeit von 48 Wochenstunden überschreitet. Überstunden sind die Stunden, die die betriebliche oder einzelvertraglich vereinbarte Arbeitszeit überschreiten, aber unterhalb der 48-Stunden-Marke bleiben.

   

 

Mehrarbeit muss vergütet werden, wenn

   

 

1.      die Arbeitszeit durch den Arbeitgeber an 30 Tagen verlängert ist;

   

 

2.      die Arbeitszeit durch Tarifvertrag verlängert ist;

   

 

3.      das Gewerbeaufsichtsamt einer unbefristeten Verlängerung zugestimmt hat;

 

   

 

4.      die Arbeitszeit in außergewöhnlichen Fällen und zur Beendigung begonnener Arbeit verlängert wurde oder

  

 

5.      die Mehrarbeit unzulässig war.

 

 

Dagegen besteht kein Anspruch auf Vergütung, wenn

  

 

 

1.      die Arbeitszeit nur ungleich verteilt wurde und sich in der Gesamtsumme so keine Mehrarbeit ergibt;

2.      die Mehrarbeit zur Fortführung eines geregelten Betriebes (z.B. Vor- und Abschlussarbeiten) zulässig war;

3.      die Mehrarbeit durch Notfälle, Naturereignisse oder andere unvermeidliche Störungen verursacht wurde;

4.      im Saisongewerbe die Mehrarbeit im restlichen Jahr ausgeglichen wird und der Bundes- oder Landesminister für Arbeit dem zugestimmt hat oder

5.      die Mehrarbeit durch vorausgehende Bummelei verursacht wurde.

  

Die Vergütung der Mehrarbeit muss sich nach höheren Sätzen richten als die Grundvergütung. Meist findet sich hierzu eine spezielle Regelung im Tarifvertrag, in der Betriebsvereinbarung oder im einzelnen Arbeitsvertrag. Ist dies nicht der Fall, so wird ein Aufschlag von 25 % zugrunde gelegt. Die Vergütung in Geld ist der Normalfall. Findet sich in den jeweiligen Verträgen nichts hierzu, so kann der Arbeitnehmer statt dessen keinen Freizeitausgleich verlangen. Aber auch der Arbeitgeber kann dem Arbeitnehmer den Freizeitausgleich nicht einseitig aufdrängen. Einigen sich die Parteien doch auf den Freizeitausgleich, so muss er – wie die Vergütung in Geld – entsprechend höher sein.

 

Aus der Auslegung des Arbeitsvertrags und der Stellung des Arbeitnehmers kann sich ergeben, dass die Mehrarbeit bereits mit dem Grundgehalt abgegolten ist. Aus einem übertariflichen oder überdurchschnittlichen Gehalt allein kann dies indes nicht gefolgert werden. Jugendlichen ist Mehrarbeit außer in Notfällen verboten. Tritt so ein Notfall ein, so muss die Mehrarbeit in den nächsten drei Wochen durch Arbeitszeitverkürzung ausgeglichen werden. Ein Zuschlag als Ersatz für die Verkürzung ist nicht zulässig.

 

Im Gegensatz zu dieser ausführlichen Regelung der Mehrarbeit findet sich in den Gesetzen zu Überstunden herzlich wenig. Genau genommen hat sich der Gesetzgeber auf eine bescheidene Regelung der Berufsausbildung beschränkt.

Dafür wird der Bereich meist in Tarifverträgen, Betriebsvereinbarungen und im Einzelarbeitsvertrag ausführlich behandelt. In der Regel wird die Grundvergütung plus Zuschlag gewährt, teilweise auch Freizeitausgleich. In der Gestaltung dieser Bestimmungen sind die Parteien völlig frei. Sie können den Freizeitausgleich ausschließen oder ihn zur einzigen Vergütung machen, sie können sich auf die Grundvergütung beschränken oder einen Zuschlag gewähren. Theoretisch denkbar ist sogar eine geringere als die Grundvergütung.

 

Findet sich in den einschlägigen Verträgen keine Regelung, so kann der Arbeitnehmer für die Überstunden die Grundvergütung verlangen. Einen Anspruch auf einen Zuschlag hat er nur, wenn dieser betriebs- oder branchenüblich ist, was in der Regel der Fall ist.

 

Schließlich sollte der Arbeitnehmer bedenken, dass so manches mit dem Arbeitgeber frei aushandelbar ist, umso mehr, wenn er ein wichtiger Mitarbeiter des Unternehmens ist, was bei Workaholics nicht selten der Fall ist. Kern wollte oder konnte seinen beruflichen Ehrgeiz nicht ganz aufgeben und hat sich mit seinem Arbeitgeber bei Verzicht auf einen Teil seiner Verantwortung und seines Gehalts auf ein Modell geeinigt, dass ihm bei einer Überschreitung von 55 Wochenstunden Freizeitausgleich gewährt. Glück gehabt: seine Kinder nennen ihn auch weiterhin “Papa”.

 

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