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Rechtsformwahl für Existenzgründer

firstlex Anwälte Gesellschaftsrecht: Rechtsform für Existenzgründer

BEI JEDER UNTERNEHMENSGRÜNDUNG STELLT SICH DIE FRAGE NACH DER WAHL DER RECHTSFORM. NUR WELCHE SOLL MAN WÄHLEN? HIER GIBT ES KEIN RICHTIG ODER FALSCH. ES KOMMT DARAUF AN. ABER AUF WAS?
 

Kastner und Stenz sind dicke Freunde – und obendrein Experten in Sachen Internet. Seit Jahren surfen sie im Cyberspace. Sie gehören zu den Pionieren, die sich schon im World Wide Web tummelten, als da noch alles textbasiert ablief. Sie bauten html-Seiten, als noch niemand im Traum daran dachte, dass man hier eines Tages mit Bannerwerbung Geld verdienen könnte. Sie waren auf Du und Du mit TCP/IP-Protokollen, als Jeff Bezos noch die Schulbank drückte.

 

MIT DEM BESTEN FREUND EINE FIRMA GRÜNDEN

 

 

UND ENDLICH GELD MACHEN WIE HEU

 

Ihr gemeinsamer Chef fährt Porsche. Aber er weiß nicht mal, was ein Stylesheet ist. Das zehrt an den Nerven. "Eigentlich haben wir ’ne Menge mehr drauf, als die Projekte auszuführen, die andere an Land ziehen", hört man regelmäßig, wenn die beiden abends in ihrer Stammkneipe gleich neben der Firma zusammensitzen. Und sie spinnen den Gedanken weiter: Sollten sie nicht die Konsequenzen ziehen, ihre Angestelltenjobs aufgeben und endlich auf eigene Faust viel Geld verdienen? Als Freunde und Geschäftspartner?

 

Erste konkrete Planungen beginnen. Die beiden überlegen sich, was der Markt von ihnen kaufen könnte. Vorrangig wohl die Erstellung von Internet-Präsenz, da sind sie stark. Macht heutzutage aber auch fast jeder, der sich in dieser Szene bewegt. "Wie wäre es mit Komplettlösungen, alles aus einer Hand?", konkretisiert Stenz die Gründungsidee. "Wir können bei einem Anbieter Server-Ressourcen kaufen und die dann direkt mit ins Angebot für den Kunden einbinden. Außerdem können wir neben Eigenentwicklungen auch Standardlösungen aus dem Bereich Internet-Software mit verkaufen. Und die Server ins Programm nehmen, die beim Kunden stehen müssen. Unsere Kunden sollen sich um nichts mehr selbst kümmern müssen. Wir schnüren ihnen ein Paket, das alles enthält, von der Technik bis zum Inhalt, individuell auf ihre Wünsche zugeschnitten. Das muss doch ziehen!"

 

 

 

GUTE IDEEN SIND WIE WEIN

 

SIE MÜSSEN REIFEN

 

Die Idee ruht. Und sie reift. Eines Abends beim üblichen Bier in der üblichen Kneipe wird Stenz ungemütlich. "Jetzt mal Butter bei die Fische. Was für eine Firma brauchen wir eigentlich? Und müssen wir für die Firmengründung einen Gewerbeschein haben?" Kastner und Stenz blicken sich lange schweigend an. An solche Formalitäten hatten sie noch keinen Gedanken verschwendet. Woher sollten sie so etwas wissen? Und wo rausfinden?

 

Informationsquellen gibt es viele: Bücher, CD-ROMs, das Internet. Fachreferenten der IHK. Und natürlich Rechtsberater. So kommt jeder nach seiner eigenen Vorstellung zum Ziel: der Information über die mögliche Rechtsform seines Unternehmens. Aber es gibt kein Patentrezept. Jeder Fall liegt anders. Das ist nicht nur juristisch, sondern auch durch die Persönlichkeit des oder der Existenzgründer bestimmt. Jeder Unternehmensgründer ist ein Individuum. Er bringt seine eigenen Bewertungen seiner Fähigkeiten, Hoffnungen, Chancen mit in die Firma ein. Und muss daher auch seine eigene, auf die Situation zugeschnittene Lösung finden.

 

Das Erste, was Kastner und Stenz lernen: Sie müssen sich von einem alten Sprachgebrauch verabschieden. Firma ist nichts anderes als der Name, unter dem ein Kaufmann am Markt agiert. Natürlich müssen beide wissen, unter welchem Namen sie auftreten wollen. Aber die wichtigste – und für den Namen prägende – Vorarbeit ist die Entscheidung, mit welcher Unternehmensform sie am Markt auftreten wollen. Die Auswahl haben die beiden zum Beispiel unter GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts), GmbH (Gesellschaft mit beschränkter Haftung), OHG (offene Handelsgesellschaft). Oder doch etwas ganz anderes?

 

 

 

FORM FOLLOWS FUNCTION

 

WAS SOLL DER FIRMENMANTEL EINKLEIDEN?

 

Die Entscheidung für oder gegen eine Form will wohl überlegt sein. Manches bestimmen Äußerlichkeiten. Hier legen Existenzgründer – manchmal ohne ihr Wissen – bereits erste Entscheidungen fest. In unserem Beispiel: Da Kastner seine Dienstleistung nicht allein am Markt anbieten möchte, hat er keine Wahl mehr, ob er überhaupt eine Gesellschaft gründen will. Als "Minimum" hat er durch die Geschäftspartnerschaft kraft Gesetzes bereits eine GbR gegründet.

 

Aber es bleibt eine Menge Entscheidungsfreiraum. Bevor sich die zwei in Details vertiefen, müssen sie sich erst einmal über Grundsätzliches klar werden: Es gibt Personengesellschaften und Kapitalgesellschaften. Vereinfacht gesagt, definieren sie sich dadurch, wer in erster Instanz Haftung übernimmt – Personen oder Kapital.

 

Zu den Kapitalgesellschaften zählen unter anderem die GmbH und die Aktiengesellschaft (AG). Bei den Personengesellschaften ist zu klären, ob eine kaufmännische Tätigkeit im Sinne des Handelsgesetzbuches (HGB) ausgeführt wird. Wenn dem so ist, stehen die OHG oder die Kommanditgesellschaft (KG) zur Verfügung. Für Freiberufliche gibt es darüber hinaus die sogenannte Partnerschaftsgesellschaft. Geht es nicht um eine kaufmännische Tätigkeit oder um eine freiberufliche, dann bleibt immer noch die GbR.

 

Kastner und Stenz sind im Sinne des HGB Kaufleute, denn zu ihrer Geschäftsidee gehört auch der Vertrieb von Hard- und Software. "Wie wärs mit einer Kommanditgesellschaft?", fragt Kastner. "Kommanditist würde ich mich gerne nennen." Stenz geht grundsätzlicher vor. "Halt! Hier können wir auf keinen Fall stehen bleiben. Es kann doch nicht nur um diese Frage gehen."

 

Sie führen ihre Recherchen fort. Und finden heraus, dass es drei Gruppen von Kriterien zu bedenken gilt: haftungsrechtliche, steuerliche und solche, die die Leichtigkeit der Steuerung der Gesellschaft betreffen, die sogenannte Operabilität.

 

 

 

HAFTEN TUT WEH

 

KLARMACHEN, WER FÜR WAS EINSTEHT

 

Jede unternehmerische Tätigkeit birgt das Risiko in sich, dass der Unternehmer von Kunden oder Dritten auf Haftung in Anspruch genommen wird. Wenn Fremdmittel, beispielsweise ein Bankkredit, in das Unternehmen fließen, beinhaltet Haftung aber auch die Frage, wer für die Rückzahlung haftet, wenn das Unternehmen ein Misserfolg wird. Entscheidender Vorteil der Kapitalgesellschaft gegenüber der Personengesellschaft: Bei der ersteren haftet von vornherein nur ein bestimmter Geldbetrag und nicht – wie bei der Personengesellschaft – die hinter dem Unternehmen stehenden Personen mit ihrem gesamten Vermögen.

 

Für Gründer ist haftungsrechtlich meist die GmbH nahe liegend. Zwar kann eine Gesellschaft durch einen Hauptgesellschafter, der zugleich Geschäftsführer ist, bewusst zum Schaden der Gläubiger missbraucht werden. Sieht man von solchen Fällen ab, können Kastner und Stenz als Gesellschafter einer GmbH aber einigermaßen ruhig schlafen. Die Kehrseite: Auch Banken kennen solche Überlegungen. Sie neigen dementsprechend dazu, einer GmbH nur dann Kredit zu geben, wenn der Gesellschafter als Bürge für den Kredit persönlich gerade steht. In diesem Fall ist der Haftungsvorteil der GmbH zunichte gemacht.

 

Entscheiden sie sich für die Form einer Personengesellschaft, stehen Kastner und Stenz immer auch mit ihrem Privatvermögen für die Schulden der Gesellschaft gerade. Mit einer Ausnahme: der KG. In dieser Rechtsform können persönlich haftende Gesellschafter, zum Beispiel Kastner, und solche mit einer reinen Kapitalbeteiligung, etwa Stenz, zusammenfinden. "Das finde ich aber nicht gerecht", konstatiert Kastner und lehnt den Vorschlag seines Partners rundheraus ab. Unter Haftungsgesichtspunkten gefällt den beiden eindeutig die GmbH am besten.

 

Steuerliche Aspekte spielen bei der Wahl der Unternehmensform eine zentrale Rolle. Das deutsche Steuersystem ist komplex. Es beinhaltet eine Vielzahl von Steuerarten. Unterschiedliche Gesellschaftsformen werden innerhalb dieses Systems unterschiedlich behandelt. Gründen Kastner und Stenz als Freiberufler eine GbR, so zahlen sie keine Gewerbesteuer. Als Gesellschafter einer GmbH müssen sie hingegen Gewerbesteuer abführen. Ein anderes Beispiel: Während die GmbH eine Bilanz erstellen muss und Körperschaftsteuer zahlt, reicht bei der GbR gewöhnlich eine sogenannte Einnahme-Überschuss-Rechnung nach dem Einkommensteuergesetz. Die Wahl der Gesellschaftsform sollte daher immer auch mit einem Steuerexperten abgesprochen werden.

 

Welche Wahl im konkreten Einzelfall die sinnvollste ist, ergibt sich durch Abwägung. Denkt man in erster Linie an einfache Handhabung, wäre Kastner und Stenz unter dem steuerlichen Aspekt nicht die GmbH, sondern eine Personengesellschaft zu empfehlen.

 

Die Frage der Operabilität betrifft das "Handling" des Unternehmens. Bei einer GbR müssen sich die beteiligten Gesellschafter darüber wenig Gedanken machen. So wenig, dass sie manchmal gar nicht realisieren, dass sie sich in einer GbR befinden. Bei einer GmbH dagegen ist ein notarieller Gründungsvertrag erforderlich. Die Gesellschaft muss zum Handelsregister angemeldet werden. Ein Geschäftsführer ist zu bestimmen. Das Gesetz schreibt Gesellschafterversammlungen vor.

 

 

 

NICHT JEDER FIRMENMANTEL IST ELASTISCH

 

ER SOLLTE NICHT KNEIFEN, WENN MAN RASCH WÄCHST

 

Ein ganz anderer Aspekt: Irgendwann kann es für das Wachstum des jungen Unternehmens erforderlich werden, Kapital an der Börse aufzunehmen. Das geht nicht in einer GbR oder GmbH. Hierfür ist die Unternehmensform der Aktiengesellschaft zwingend erforderlich. Stenz sieht schon den Briefkopf vor sich: Kastner & Stenz AG. "Das lassen wir einprägen. In Blau. Und auf jeden Fall nehmen wir dafür eine serifenlose Schrift," träumt er weiter.

 

Aber muss es gleich ein Schloss sein, in das die Gründer einziehen? Unternehmen wachsen und verändern sich. Der Anfang kann erst einmal klein sein, zum Beispiel mit einer GbR. Mit Erfolg und Wachstum lässt die sich beispielsweise in eine GmbH umwandeln. Und wenn die Zeit reif ist, geht die Firma – nach erfolgter Umwandlung in eine AG – schließlich an die Börse. Die Weiterentwicklung des so genannten Umwandlungsrecht hat hier in den vergangenen Jahren zu einer zunehmenden Flexibilisierung geführt.

 

Wie sorgfältig dennoch die Operabilität bedacht werden sollte, verdeutlicht die Fragestellung der Kapitalaufbringung bei einer Kapitalgesellschaft. Entscheiden sich Kastner und Stenz für die Gründung einer GmbH, benötigen sie 50.000 Mark als Gründungskapital. So sieht es das GmbH-Gesetz vor. Können oder wollen sie diese Summe nicht bar aufbringen, stellt sich die Frage, ob auch Sachwerte in das Unternehmen eingebracht werden können. In der Tat ist dies eine Möglichkeit. EDV-Anlagen und andere Sachwerte, aber auch Marken oder Kundenbeziehungen bieten sich an. Doch schon kommt ein großes "Aber": Welchen Wert haben diese Sacheinlagen? Setzen die beiden ihre eingebrachten Sachwerte zu hoch an, besteht die Gefahr, dass den Gläubigern effektiv weniger als das gesetzliche Mindestkapital zur Haftung zur Verfügung steht. Im Insolvenzfall einer GmbH kommt es daher schnell zu Prozessen gegen die Gesellschafter. Man möge bitte nachzahlen, da sich gezeigt habe, dass die Sachwerte zu niedrig angesetzt worden seien. Grundsätzlich gilt: Vorsicht bei Sachgründungen.

 

 

 

FREUNDSCHAFT IST KEIN KAPITAL

 

SCHON BEI DER GRÜNDUNG AN DIE TRENNUNG DENKEN

 

Kastner und Stenz sind nach all diesen Überlegungen so weit, dass sie zwischen OHG, GbR und GmbH wählen wollen. Um ganz sicherzugehen, nichts übersehen zu haben, setzen sie sich nun noch einmal mit ihren Beratern zusammen. Das Unternehmenskonzept wird erneut durchgesprochen. Überwiegen letztlich haftungsrechtliche oder doch eher steuerliche Überlegungen? Lässt sich Haftung nicht auch anders absichern als durch die Gesellschaftsform?

 

Und wie war das mit dem Gewerbeschein? Der hat mit der Unternehmensgründung nicht viel zu tun. Er gehört in den Bereich des öffentlichen Rechts, zur Aufsichtspflicht des Staates gegenüber den Teilnehmern am Wirtschaftsleben. Natürlich sollte sich jeder Gründer fragen, ob er einen Gewerbeschein benötigt, um seine Leistung am Markt anzubieten. Mit der Unternehmensform hat diese Frage allerdings nichts zu tun. Sie hängt einzig und allein von der Tätigkeit ab. So ist der Schein zum Beispiel erforderlich, um einen Wachdienst zu gründen. Ob man für seine Leistungen ein derartiges Dokument benötigt, erfährt man am besten bei der zuständigen Stelle seiner örtlichen IHK.

 

Haben Kastner und Stenz jetzt an alles gedacht? Nicht ganz. Irgendwann wollen sie vielleicht auch wieder auseinander gehen. Idealerweise klären sie daher von Anfang an, wie einer von ihnen aus der Gesellschaft ausscheiden kann, ohne diese dadurch gleich aufzulösen. Das Problem hat neben dem gesellschaftsrechtlichen auch einen finanziellen Aspekt. Eine sachgerechte Abfindungsformel erfordert bereits in einfachen Fällen hochkomplexe mathematische Formeln. Schon bei der Gestaltung der Gesellschaft sollte jeder Gründer mithin auch an ihr Ende denken. Sonst ist er vielleicht schon bald selbst fertig – mit den Nerven und unter Umständen auch mit dem Geschäftspartner.

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