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Kommen lassen zum Gehenlassen

Ich hatte im Urlaub eine Vision.
Das wäre doch wirklich mal bequem:
ich sitze gemütlich beim Kaffee auf der Terrasse und schreibe ein Postkärtchen.
Was fehlt, ist nur noch die Briefmarke.

So ein Mist, keine griffbereit. Wer nimmt auch schon Briefmarken von zuhause mit ?
Also zur Post. Aber: das Auto steht in der Tiefgarage, Fahrrad gefahren bin ich heute schon einmal mit der Familie (man soll nichts übertreiben) und zu Fuß jetzt nochmal lostraben ? Uncool.

Aber in meiner Vision gab es eine Rettung: einfach auf die Website der Post oder per Handy eine Nummer wählen und stattdessen einen Code abholen und auf den Brief schreiben, da, wo sonst die Marke hingehört.

So easy. So cool.
Abrufen, bringen lassen, Service genießen—on demand eben.
Pizza, Filme, Sonntags-Zeitung, Putzhilfe, PC-Notdienst, Banking, Bücher usw.—wer sich heute noch aus dem Haus begibt, ist doch eigentlich blöd.

In meiner Vision blieb ich also gemütlich sitzen, trank meinen Kaffee weiter und legte die Postkarte absendebereit zur Seite.

Ich bestellte dann abends noch ein paar Snacks in die Ferienwohnung und orderte einen Film. Am nächsten Morgen bestellte ich Brötchen, Zeitung und eine Fitnesstrainerin und so ging der Tag weiter. Das Bett hab ich natürlich nicht verlassen.

Nach einer Woche stellte ich fest, dass es in Deutschland noch erhebliche Servicelücken gibt: niemand bietet auf seiner Website an, mich  durchs Haus zu tragen, meine Klorolle zu wechseln und meinen Müll rauszubringen.

Was mir auch noch fehlte, war, dass sich jemand an meiner Stelle geärgert hat. Und überhaupt: könnte nicht viel besser ein anderer für mich essen, Filme ansehen und telefonieren ?
Muß ich denn wirklich alles selbst machen ?

Na, ja, darüber lässt sich noch hinwegsehen, wenn man bedenkt, dass hier noch viel zu tun ist und sich entsprechende Anbieter erst noch am Markt entfalten müssen.
Allerdings war ich schon ziemlich sauer, als ich feststellte, dass es im ganzen Internet keinen Arzt gab, der mich aus meinem Sessel transplantiert.
Schließlich war ja der Urlaub zu Ende und ein neuer Gast angekündigt.

Doch meine Vision ging noch weiter: als ich meinen Vermieter bat, doch endlich die Fliegen aus der Wohnung zu vertreiben, erklärte er mir, dass ich vielleicht bleiben könne, da er jetzt einen neuen Service anbietet.
Der neue Gast kann dabei gleich zuhause bleiben, denn an seiner Stelle macht der Vermieter für ihn Urlaub. Per Webcam wird alles direkt ins Haus des Gastes übertragen.
Merkwürdig: die Rechnung muß bei diesem Service im Voraus beglichen werden, gern auch per online-Überweisung.

Meine Vision nahm ein jähes Ende, als ich ein aus der Ferne anschwellendes Sirenen-Singen vernahm: meine Frau weckte mich aus meinem Nachmittags-Sonnen-Kaffee-Dösen auf und erklärte sehr realistisch, ich möge mich nun mal endlich aufschwingen, um die Postkarte wegzubringen.

Ihr Kai Stumper

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