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Insolvenzen und Folgen für den Freiberufler als Auftragnehmer

firstlex Anwälte  Wirtschaftsrecht - Insolvenzen und Folgen für den Freiberufler als Auftragnehme


In den letzten Jahren löste erst das Thema CBT (Computerbased Training) euphorische Erwartungen aus, dann das Thema E-Learning. Manche Unternehmen wußten scheinbar gar nicht mehr, wohin mit dem Geld; bis es eines Tages ausging. So gibt es mittlerweile wie überall im "neuen Markt" auch hier die ersten Insolvenzen.

 

Viele Freiberufler sind in ihrem Beruf Profis, doch über Insolvenz denken die meisten erst nach, wenn es soweit ist. Und dann ist es – wie so oft im Leben – zu spät.
Für seine Kunden sollte man sich Zeit nehmen. Nicht zuletzt, um sie zu analysieren, zu beobachten und rechtzeitig ihre Probleme zu erkennen. Der Kunde ist zwar nicht der Gegner im Ring; im Gegenteil will der Auftragnehmer ja seinen "Fighter" coachen und dadurch ihm zum Sieg am Markt verhelfen. Aber der Auftragnehmer sollte auch sehen, daß er nicht selbst mit in den Ring steigt. Sonst geht nicht nur sein "Fighter" KO, sondern vielleicht er selbst gleich mit.

 

 

 

Was geht das den Freiberufler an?

Und ein Freiberufler, nennen wir ihn Kraus, fragt sich nun natürlich: was geht es mich an, wenn mein Kunde "KO" geht?

 

Schauen wir doch einmal, was übrig bleibt von seinem Honorar. Gehen wir davon aus, Kraus hätte über Monate die Mitarbeiter des Kunden in der Vertriebsabteilung zu den Themen Kommunikation und kundenorientiertes Telefongespräch trainiert und gecoached. Seine Honorare wurden zwar anfangs gezahlt, dann aber ging es mit der Liquidität des Unternehmens bergab. Auch die Pfeile der anderen Zahlen im Unternehmen wiesen nach unten. Und so wurden die fälligen Honorare nicht mehr gezahlt. Mittlerweile sind Forderungen des Trainers Kraus gegen seinen Kunden von DM50.000,00 aufgelaufen. Kraus benötigt das Geld; seine Kosten laufen weiter, seine Lebenshaltung bestreitet er aus seinen Reserven und überhaupt: .er wird allmählich nervös.

Da meldet sein Kunde Insolvenz an.

 

Die neue Insolvenzordnung hat andere Ziele als das alte Konkursrecht. Sollten dort in erster Linie die Gläubigerforderungen realisiert werden, geht es heute auch um den Erhalt des Unternehmens und der damit verbundenen Arbeitsplätze. Zudem zeigte sich, daß eine schnelle Liquidation des Unternehmens oft auch für die Gläubigerforderungen nicht die beste Lösung war.

 

 

 

Der "normale" Gläubiger guckt durch die Röhre

Für viele Beteiligte hat das neue Insolvenzrecht Vorteile gebracht: Private Schuldner (sog.Verbraucherinsolvenz), Arbeitnehmer und Unternehmen. Wo es Vorteile gibt, finden sich meist auch Nachteile. Sie verbleiben meist bei den anderen Beteiligten. Und in der Tat ist die Stellung der Gläubiger eher verschlechtert worden als verbessert. Für Kraus ist das ein Problem: anders als die von ihm gecoachten Mitarbeiter des Unternehmens ist er nicht abgesicherter Arbeitnehmer, sondern bietet seine Leistungen als freier Unternehmer an; er ist insolvenzrechtlich "normaler" Gläubiger. Wie Banken und Lieferanten.

 

Das hat erhebliche Konsequenzen: der Arbeitnehmer ist durch das Arbeitsamt weitgehend abgesichert. Er kann dort für die letzten drei Monate Konkursausfallgeld erhalten. Seine Lohnforderung wird dann vom Arbeitsamt eingezogen; fällt es mit seiner Forderung aus, ist es das Problem des Arbeitsamtes. Bei Kraus dagegen gibt es kein Konkursausfallgeld und überhaupt steht das Arbeitsamt nicht zwischen ihm und dem Schuldner, seinem Kunden. Er ist auf sich allein gestellt. Und hat dabei das Problem, daß KO meist KO bleibt, jedenfalls aus Gläubigersicht; auf Deutsch: die volle Forderung wird sich nahezu nie realisieren lassen. Und wie hoch der Anteil ist, den der Gläubiger noch erhalten kann, ist meist ebenso unsicher wie ein Gewinn beim Glücksspiel.

 

 

 

Forderungen gegen die Masse laufen weiter

Kraus hat auch noch ein anderes Problem: liefert ein Lieferant Ware, so sichert ihn regelmäßig ein Eigentumsvorbehalt. Auch die Bank hat für ihren Kredit meist eine Sicherheit. Kraus dagegen erbringt eine intellektuelle Dienstleistung. Und an der kann man keinen Eigentumsvorbehalt festmachen oder eine Sicherheit wie bei einem Kredit. Kraus muß sich daher um sein kaufmännisches Selbstverständnis kümmern: im Grunde ist er fast vergleichbar ungesichert, als wenn er sich gleich als Risikokapitalgeber mit einem ungesicherten Kredit an dem Unternehmen beteiligen würde. Kraus hat nur einen Nachteil: ist seine Forderung "KO", kann er nicht einfach sagen "so what".

 

Ein weiterer Vorteil des neuen Insolvenzrechts bedeutet für den Kraus erneut: innehalten und überlegen. Ziel des neuen Insolvenzrechts ist die Erhaltung des Unternehmens. War es schon früher möglich, daß das insolvente Unternehmen weiter operativ tätig ist (sog. Massegeschäfte), ist es heute im Grunde sogar das Ziel des Insolvenzverfahrens, eine kontinuierliche Marktpräsenz des Unternehmens aufrecht zu erhalten. Ein insolventes Unternehmen kann nach außen daher fast wie früher auftreten. Vertragspartner des Unternehmens werden dadurch im Ansatz geschützt, daß Geschäfte während des Insovenzverfahrens weitgehend sog. Massegeschäfte sind. Forderungen gegen die Masse sind z.B. Trainerhonorare, die auf Verträgen basieren, die erst nach Beginn des Insolvenzverfahrens abgeschlossen wurden. Solche Masseforderungen werden vor allen "normalen" (also früheren) Gläubigerforderungen bedient.

 

 

 

Das bleibt übrig: 0

Dennoch: unser Trainer Kraus sollte sich gut überlegen, ob er "mit der Masse kontrahieren", also einen Vertrag abschließen will; er sollte es nur abgesichert durch Vorkasse oder vergleichbare Sicherheit tun. Z.B. sollte dann im Rahmen eines Insolvenzplan gesehen werden, daß andere Gläubiger, die ein Interesse an der Fortführung des Unternehmens haben, eine persönliche Bürgschaft übernehmen oder sonst neben den Kunden des Trainers treten.

 

Was bleibt vor diesem Hintergrund von den 50.000,00 Honorar unseres Trainers Kraus? Nicht viel: diese Forderung muß aus der sog. Insolvenzmasse bedient werden. Aus der Masse werden nun aber ja erst einmal die Massegeschäfte bedient und dann… – ist meist nur noch wenig da. Zudem sollte es zur Rettung des Unternehmens einen Fortführungsplan (Insolvenzplan) geben. Und wer sollte diesen finanzieren, wenn nicht die Gläubiger des Unternehmens. Kraus muß sich also auf einen teilweisen Verzicht oder zumindest auf erhebliche Stundungen einlassen. Und auch dann ist für ihn der Insolvenzplan wie ein Spekulationsgeschäft: ob er Erfolg hat oder nicht, ist dem Einfluß von Kraus völlig entzogen. Er könnte genauso gut "ins Casino" gehen.

 

Ja, und was bleibt denn nun genau übrig? Genau da liegt das Problem: keiner weiß es im voraus. Nur eines ist ziemlich sicher: weder der volle Betrag, noch ein überwiegender Teil. Ein bißchen vielleicht; und wann, kann auch keiner sagen. Kaufmännisch vorsichtig gerechnet bedeutet das für Kraus: Nichts oder 0,00.

 

 

 

Was hätte man vorher tun können?

Was hätte Kraus tun sollen? Zwei Arten von Maßnahmen müssen ergriffen werden, soll das Risiko der Insolvenz des Kunden nicht zu einem eigenen Risiko des Trainers werden: Maßnahmen im eigenen Unternehmen des Trainers und Maßnahmen im Hinblick auf den Kunden.

 

Maßnahmen im eigenen Unternehmen des Trainers: In der eigenen Kalkulation muß immer ein gewisser Forderungsausfall kaufmännisch eingerechnet und auf den Preis umgelegt werden.

Die Auftragslage sollte so gesteuert sein, daß Abhängigkeiten von einem Kunden vermieden werden. Es muß dem Trainer möglich sein, bei Zahlungsstockungen seines Kunden sofort die Leistung einzustellen und/oder auf Vorkasse umzustellen, also erst das Geld, dann das Training.

Und schließlich benötigt die eigene Finanzsteuerung die Aufmerksamkeit von Kraus: Außenstände sollten in Summe nie mehr als ca. 10% eines Jahresumsatzes betragen. Denn sonst besteht bei einer Insolvenz des Kunden schnell die Gefahr der sog. Anschlußinsolvenz des Trainers.

 

Maßnahmen im Hinblick auf den Kunden: der Kunde muß ständig beobachtet werden auf Anzeichen von Überschuldung oder drohender Zahlungsunfähigkeit. Erstes Alarmzeichen sind Zahlungsstockungen oder Zahlungsziele von mehr als 4Wochen. In solchen Fällen sollten alle "roten Lampen" beim Trainer angehen. Falsche Solidarität sollte gut überlegt werden. Meist denkt der Trainer: laß ich dem Kunden Spielraum, wird er es schon wieder in den Griff bekommen; das sollte man anders sehen. Kraus hätte sich gefragt haben müssen: bin ich bereit und in der Lage, die Probleme des Kunden auf meine Kosten abzumildern. Ein vernünftiger Trainer wird dies meist mit "Nein" beantworten. Denn die Erfahrung zeigt immer wieder, wie am "Neuen Markt" der Börse: wer nicht rechtzeitig aussteigt, wird mit in den Abgrund gerissen.

 

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