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Econy 6/2000, S. 42 ff.

Econy

Erschienen in: Econy 6/2000, S. 42 ff.

 

Juristen gelten im Allgemeinen als nicht allzu aufgeschlossen gegenüber Innovationen. Mit neuartigen Konzepten will eine Anwaltskanzlei in Hamburg seit einiger Zeit beweisen, dass es auch anders geht.

 

In Meter hohen Regalen stapeln sich staubige Akten bis zur Decke, sperriges Holz ächzt unter der Last von Gesetzessammlungen und Kommentaren. Fahles Licht fällt herein und schafft eine Atmosphäre, die Ehrfurcht gebietet. In der Mitte des Raumes: Ein schwerer Schreibtisch aus Eichenholz, besetzt mit Beschlägen, verziert mit Ornamenten. Dahinter thront er, der unumschränkte Herrscher dieses Reiches: der Anwalt.

 

"Es kommt nicht darauf an, dass der Anwalt in einem Prunkbüro mit Eichentisch residiert", weist Kai Stumper weit verbreitete Vorstellungen von sich. Der 36-jährige Jurist ist Partner der "Kanzlei Dr. Stumper". Nach eigenen Angaben im Internet ist diese als erste Kanzlei Deutschlands "nahezu vollständig virtualisiert", was zur Folge habe, dass sich "Produktivität und Kostenstruktur in bisher nicht denkbarem Maße verbessern" ließen.

 

"Virtualisiert" – das heißt, dass ein Büro im herkömmlichen Sinne nicht mehr existiert. Die Anwälte sind "Teleworker", die ihren Job zum größten Teil von zu Hause aus erledigen. Ihre Mandanten wenden sich in der Regel per e-Mail oder Telefon an ihre Rechtsbeistände, die dann auf dem selben Wege zurück kommunizieren. "Der größte Unterschied zur herkömmlichen Arbeit in einer Kanzlei ist, dass wir weniger papiergebunden sind", meint Kai Stumper.

 

Und doch würden Kollegen, denen ihr Eichentisch ans Herz gewachsen ist und die Stumper nun in seinen Räumen in Hamburg-Othmarschen aufsuchen, wohl zunächst einmal leicht verächtlich die Nase rümpfen. Sein Arbeitszimmer ist relativ klein. Bestückt mit Möbeln aus Kiefernholz, einem Computer und einer Tafel. Durch ein Fenster in der Wand sieht man ins Wohnzimmer, wo ebenfalls helles Holz dominiert. Recht sparsam ist das alles eingerichtet, hanseatisch karg. An der Wand hängen persönliche Fotografien, in einer Ecke steht ein Kinderstuhl.

 

Besucher bittet der Anwalt dann auch mal, dort auf dem gemusterten Sofa Platz zu nehmen, "dem gemütlichsten Platz hier", wie er selbst meint. Allzu oft kommt das allerdings nicht vor, denn in der Regel macht sich der Rechtsexperte, wenn ein Mandant dies wünscht, selbst auf den Weg zu diesem. Auf dem Sofa lehnt Stumper sich zurück, schlägt die Beine übereinander und erzählt nüchtern, aber sehr bereitwillig über das Konzept der Kanzlei.

 

Deren Anfänge reichen bis in Stumpers Kieler Studentenjahre zurück. Dort lernte er -"beim Schreiben einer Hausarbeit"- seine heutigen Partner kennen. Schon während des Studiums legten die drei die Grundlage für eine selbstständige Zukunft, indem sie juristische Trainings für diverse Bildungseinrichtungen anboten. Eine Tätigkeit, die sie dann während der Referendarzeit weiter ausbauten.

 

"Irgendwann stellt sich dann für jeden die Frage, was man mit dem ganzen Erlernten anfängt", blickt Stumper inzwischen zurück. Da er und seine Kumpane eher "Unternehmertypen" seien, habe sich ihnen der Wunsch aufgedrängt "im juristischen Bereich selbst etwas zu machen", anstatt, wie sonst üblich, "bei großen Anwaltsbüros anzuklopfen". Doch auch diese jungen Existenzgründer mussten schnell feststellen: "Alle herkömmlichen Wege führen zur Bank."

 

Eine Kreditaufnahme von 200000 oder 300000 Mark wollten sie allerdings um jeden Preis verhindern. "Die größte Gefahr in dieser Phase ist, dass man sich von der eigenen Euphorie einnebeln lässt", weiß Kai Stumper. Statt dessen führten die drei Freunde dann "eine komplette Marktsondierung" durch, ein "Management-Ansatz, der in der Juristen-Branche eher unüblich ist", wie Stumper meint.

 

Das Ergebnis dieser Recherchen stand relativ schnell fest: "Der Markt nimmt herkömmliche Elemente nicht mehr auf." Also mussten sich die drei etwas Neues ausdenken. "Wir hatten schon vorher sehr viel mit EDV gearbeitet", berichtet Kai Stumper und daraus sei dann schließlich die Idee entstanden, die Kanzlei zu virtualisieren. "Das Konzept gab uns die Möglichkeit, zahlreiche Posten, die sonst Kosten verursachen, zu eliminieren. Nachdem wir es durchgerechnet hatten, kamen wir zu dem Ergebnis, dass es nicht nur lebensfähig, sondern auch recht profitabel sein müsste", sagt der Teleanwalt.

 

Anscheinend waren die Ergebnisse dieser Berechnungen zutreffend, denn Stumper selbst kann heute stolz vermelden, dass ihn seine Arbeit recht gut ernähre. Und wenn er sich im Restaurant an der Nahe gelegenen Elbe dann doch nur ein gebratenes Gemüse bestellt, liegt das wohl nicht an knappen finanziellen Mitteln, sondern eher an einer soliden Sparsamkeit und dem Ärger über die "gepfefferten Preise" dort.

Ein Vorteil seien am Anfang der Kanzlei vor etwa drei Jahren die "gewissen Kontakte in die Bildungsbranche gewesen", über die das Team bereits verfügte und auf denen sie dann weiter aufbauen konnten. Doch ansonsten habe sich der Aufbau des Mandantenstammes durchaus schwierig gestaltet. "Wie bei jeder Existenzgründung", weiß Kai Stumper und doch zusätzlich dadurch erschwert, dass es Kanzleien grundsätzlich untersagt ist, Werbung zu schalten.

 

Eine zusätzliche Belastung war für die Jung-Juristen die zunächst sehr skeptische Haltung der Hamburger Anwaltskammer. "Die haben uns ganz schön auf den Fuß getreten", meint Stumper. Inzwischen sei es aber gelungen, dort Verständnis zu wecken, so dass die Institution Kanzlei Dr. Stumper inzwischen "durchaus aufgeschlossen" gegenüber stehe.

 

Eine Behauptung, die Vertreter der Kammer übrigens weder bestätigen noch dementieren wollen. Die Bundesrechtsanwaltsordnung (BRAO) verbietet nämlich in ihrem Paragraphen 76, dass sich Mitglieder des Vorstandes über derartige Anliegen äußern.

 

Dennoch ist Teleanwalt Stumper bei seinen Äußerungen äußerst vorsichtig. "Die Beratung bei uns kann möglicherweise preisgünstiger und weniger zeitintensiv sein als bei anderen Kanzleien", betont er, ohne sich näher festlegen zu wollen. Der Kunde könne bei der Kommunikation via e-Mail die Anfahrt sparen, ebenso die Minuten im Wartezimmer. Und wer ganz schnell Auskunft bei einem rechtlichen Problem wolle, schätze die Möglichkeit, sofort mit seinem Anwalt in Kontakt treten zu können. Ein Service, der allerdings auch von konventionellen Kanzleien durchaus angeboten werden kann.

 

Besonderen Erfolg haben die Teleanwälte nach Stumpers Angaben mit ihren neuen Ansätzen vor allem dort, wo man Innovationen grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber steht. "Viele unserer Mandanten stammen aus der EDV-Branche", sagt er. Ansonsten seien die Reaktionen durchaus uneinheitlich: "Vielen Leuten müssen wir erst einmal erklären, was wir hier überhaupt machen". Und dann käme es schon vor, dass sich die Rechtssuchenden einem konventionellen Kollegen zuwendeten.

 

Denen gegenüber will sich Kanzlei Dr. Stumper vor allem in von diesen noch weitgehend unbesetzten Bereichen etablieren. So haben die drei Innovations-Anwälte eine ganze Reihe von Lesitungen in ihr Programm aufgenommen, die ansonsten eher unüblich sind. "Vom Verständnis her sehen wir uns eher als Unternehmensberater denn als klassische Anwälte", gibt Kai Stumper die Leitlinie vor.

 

Einen besonderen Service stellt dabei die telefonische Rechtsberatung der Kanzlei, "Kanzlei Dr. Stumper Hotline" genannt, dar. Wer die entsprechende Nummer wählt, wird zunächst mit der Telefonzentrale der Kanzlei verbunden, wo ihn dann eine von drei Mitarbeiterinnen mit den Worten "Kanzlei Dr. Stumper und Kanzlei Dr. Stumper Hotline, was können wir für Sie tun?" begrüßt. Nach kurzer Schilderung seines Anliegens wird der Kunde dann im Laufe der Zeit von dem auf dieses Fachgebiet spezialisierten Anwalt zurückgerufen. Eine Besonderheit ist, dass dieser Anruf erst dann kostenpflichtig wird, wenn die tatsächliche Beratung beginnt. Erst dann werden fünf Mark pro Minute fällig, die vorhergehende Erfassung der Stammdaten des Kundens ist kostenlos.

 

Dieses Prinzip unterscheidet den Service Kanzlei Dr. Stumper dann auch von vergleichbaren Anbietern, die mit 0190-Nummern arbeiten. Wird hier doch von dem Moment, in dem der Anwalt abhebt, eine Gebühr von 3,63 Mark pro Minute erhoben. Zudem werden diese Anbieter von der Rechtsprechung inzwischen auch eher skeptisch bewertet. Stoßen diese doch häufig an die Grenzen dessen, was die Gebührenordnung den Anwälten gestattet.

 

Konflikte, die Kai Stumper für seine Kanzlei nicht sieht: "Die Hotline hat bisher alle Anfechtungen schadlos überstanden", sagt er stolz. Er schreibt dies auch der umfangreichen Aufklärung und Dokumentation zu, die über diesen Service im Internet existiert. Der Andrang der Kunden habe sich, wenn auch mit Schwankungen, auch recht erfreulich entwickelt. "Inzwischen gibt es schon so eine Art von Stammkunden, die bereits mehrmals angerufen haben", sagt er.

 

Denen will die Kanzlei denn auch in Zukunft einiges bieten. "Wir wollen den Vorsprung, den wir uns einmal erarbeitet haben, möglichst beibehalten", kündigt Stumper an, der aber auch weiß, dass es "im Internet immer ein Vielzahl neuer Ideen gibt und die Konkurrenz groß ist." Deshalb sind die Hamburger Anwälte derzeit auch auf der Suche nach Venture Capital: Sie wollen zusätzliche Leute einstellen, um ihre bundesweite Präsenz garantieren zu können.

 

Denn sie sind auch für die Zukunft optimistisch, dass sie mit ihren Innovationen weiter Erfolg haben werden. "Angesichts der großen Arbeitsbelastung befinden sich viele Anwälte derart in der Tretmühle, dass sie kaum noch Zeit haben, um sich um neue Bereiche wie EDV zu kümmern", verkündet Stumper forsch. Doch auch er bezahlt mit einem "12 bis 14 Stunden-Tag" inzwischen den Preis der meisten Selbstständigen. Zeit für seine früher gehegten literarischen Ambitionen, vor einigen Jahren veröffentlichte er einen Band mit Gedichten, bleibt ihm da nicht mehr.

 

So ist seine Sprache denn auch inzwischen weniger literarisch als juristisch-nüchtern. Stumper spricht nicht laut, aber bestimmt, ernst und trocken. Nur selten schwingt er sich noch zu etwas gewagteren Bildern auf. So dann, wenn er erklärt, dass es oberstes Prinzip Kanzlei Dr. Stumper sei, "alle Dogmen, auf den Opfertisch zu legen und zu prüfen, ob sie geschlachtet werden könnten." Und genau dieser respektlose Umgang sei in einem Beruf, der "von seiner Materie her grundsätzlich eher Leute mit konservativen Denkstrukturen anziehe", ein wichtiger Schritt zum Erfolg.

 

Cornelius Welp

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