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Das Arbeitszeugnis

Von Kai Stumper, Rechtsanwalt

 

 

"Eigentlich ein schönes Zeugnis", dachte sich Sabine Prechtel, als sie vier Wochen nach ihrem Rauswurf bei der Seminar GmbH in ihrem Lehnstuhl saß und das Kuvert öffnete. Sie war angenehm überrascht. Die Nachmittagssonne streichelte milde über das vornehme Büttenpapier, der Chef hatte mit seinem wertvollen Füllfederhalter selbst unterschrieben. Da kamen trotz des ganzen Ärgers der vergangenen Zeit doch noch einmal schöne Erinnerungen auf. Dann faltete sie das Blatt wieder und steckte es in das Kuvert zurück. Jetzt eine Tasse Kaffee. Dann einen Strich unter die Sache ziehen und in drei Tagen die neue Stelle mit frischem Mut angehen.

 

 

 

Warum war das Zeugnis gefaltet?

 

Doch als sie den Kaffeefilter aus der schon fast leeren Pappschachtel ziehen wollte, stutzte Sabine Prechtel plötzlich. Warum war das Zeugnis eigentlich gefaltet? Hätte man nicht eine größeren Umschlag nehmen können? Jetzt nahm sie das Papier noch einmal hervor und las es erneut. Und dann bemerkte sie, wie ihr langsam der Appetit auf Kaffee verging. Da stand: "Frau Prechtel war stets bemüht, ihre Aufgaben sorgfältig zu erfüllen". Oder: "Mit der Kritik an ihren Seminaren durch die Teilnehmer ging sie stets konstruktiv um". Jetzt erst dämmerte ihr, dass sich diese Zeilen nicht nur positiv werten ließen, sondern mindestens ebenso gut auch negativ. Wenn sie bemüht, dann hatte sie also ihre Aufgaben nie wirklich bewältigt und wenn sie mit Kritik konstruktiv umging, dann gab es eben Kritik – aber wieviel und in Bezug worauf?

 

 

 

Was ist denn eine Holschuld?

 

Schon am nächsten Tag faxte Sabine Prechtel das Zeugnis ihrem Anwalt. Am Telefon bestätigte er ihr, dass er das gesamte Schriftstück als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Anwälte und Richter ansehe. Die Falten könnte er allerdings nicht aus dem Papier bügeln. Er meinte, dass es in diesem Fall keinen Anspruch auf ein ungefaltetes Zeugnis gebe. "Ja, wie – wenn die Firma mir ohnehin ein neues Zeugnis erstellen soll, dann kann sie ja wohl das nächste Mal ein größeres Kuvert benutzen oder etwa nicht", echauffierte sich die Prechtel. "Nein", entgegnete der Anwalt, "sie müssen sich das Zeugnis ja nicht zuschicken lassen". Das schien ja nun wieder auf typisches Haarespalten hinauszulaufen. Aber immerhin ist diese Meinung durch die Rechtsprechung abgesegnet. Ein Zeugnis ist eine Holschuld. Das heißt, der Arbeitnehmer hat sich das Zeugnis abzuholen. Wünscht er Zusendung, so gehen die damit verbundenen Risiken auf sein Konto, er muß also die Wahl der Kuvertgröße und damit eine Faltung des Papiers akzeptieren. Das ist nur dann anders, wenn der Arbeitgeber das verlangte Zeugnis nicht zum Ende des Arbeitsverhältnisses herausrückt. In einem solchen Fall kann der Betroffene die Zusendung verlangen und dann muß das Zeugnis denselben Zustand aufweisen, als wenn der Arbeitnehmer es selbst abgeholt hätte.

 

Wer glaubt, das seien nun wirklich Peanuts, der irrt. Zeugnisstreitigkeiten handeln nicht selten von Kaffeeflecken, Eselsohren, Butterbroten, Tintenklecksen, Kommas (oft wie aus dem Salzstreuer über den Text verteilt), Kenntnis des Genitiv (heute selten) oder merkwürdigen Punkten zwischen den Zeilen, die als "Geheimsprache" unter Arbeitgebern gewertet werden könnten.

 

Für Arbeitnehmer wie Sabine Prechtel besteht jedenfalls dann ein Anspruch auf ein Zeugnis, wenn sie als Arbeitnehmerin, und zwar im Rahmen eines dauernden Vertragsverhältnisses, beschäftigt sind.

 

 

 

Was sollen Freiberufler machen?
 

 

Bei Freiberuflern, die regelmäßig mit gleichen Auftraggebern zu tun haben, ist der Anspruch umstritten. Wer zu dieser Gruppe gehört, sollte auf folgende Punkte achten:

 

  • Dokumentieren Sie von Anfang an geordnet nach Aufträgen, die sie erhalten haben. Später sind sie dann leicht in der Lage, durch einen Griff bzw. einen Mausklick alles hervorzurufen und zumindest eine Gesamtbestätigung oder eine Bewertung zu verlangen. 
     
  • Sammeln sie von Anfang an Auswertungsbögen oder andere Feedbacks, die Sie vom Auftraggeber erhalten haben. 
     
  • Vereinbaren Sie einen Anspruch auf ein sogenanntes einfaches Zeugnis. Darin müssen wenigstens Art und Dauer der Beschäftigung sowie ihre Personaldaten hervorgehen. Es handelt sich lediglich um eine objektive Beschreibung ihre Tätigkeit ohne Wertung. 
     
  • Vereinbaren sie von Anfang an, dass sie nach einer gewissen Dauer der gemeinsamen Arbeit eine Art Zwischeneinschätzung erhalten. Das muß nicht eine Beurteilung wie zwischen Vorgesetztem und Untergebenem sein. Dies würde der Natur des Vertragsverhältnisses auch nicht entsprechen. Aber dennoch lässt sich meist eine Bewertung der bisher gemeinsam erzielten Erfolge abgeben. Es ist dabei nicht schädlich, dann, wenn es soweit ist, dem Auftraggeber eine Art Gedankenraster anzubieten, das er in einem gemeinsamen Schriftwechsel konkretisieren kann. So muß nicht unbedingt ein einzelnes Blatt Papier erzeugt werden, auf dem feierlich der Schriftzug "Zeugnis" prangt. Es genügt, wenn es aus dem Schriftwechsel heraus möglich wird, einzelne Seiten oder nur Passagen herauszunehmen, die man später zitieren kann. 
     
  • Ebenfalls freiwillig vereinbaren kann man ein qualifiziertes Zeugnis. Darin geht es über das einfache Zeugnis Zeugnis hinaus um eine Bewertung der Leistungen durch den anderen Vertragspartner. Wenn beide dies wollen, steht dem nichts entgegen. Angemessener kann aber im Einzelfall auch hier eine Art Abschlussbrief sein, in dem der Auftraggeber schildert, wie er die Zusammenarbeit empfunden hat. Problematisch ist das natürlich, wenn das Verhältnis unschön endet, vorher aber sehr erfolgreich verlaufen ist. Hier lässt sich abgesichert nur auf freiwilligem Wege gegensteuern und der richtige Ort dafür ist der Vertrag ganz zu Beginn der Beziehung. Oder der Selbständige kümmert sich darum, während der Dauer des gemeinsamen Weges regelmäßig "Zwischentöne", etwa in Form von Briefwechseln, einzufangen und sauber zu dokumentieren.

 


Und Angestellte?

 

Wer angestellt ist, hat einen Anspruch mindestens auf ein einfaches Zeugnis. Ein qualifiziertes Zeugnis wird nur auf Verlangen des Arbeitnehmers ausgestellt. Davon sollte man aber auch Gebrauch machen. Geschieht das, so muß die Leistung nach Fachkenntnissen, zusätzlichen spezifischen Fähigkeiten, Motivation, Ausdrucksvermögen und weiteren Elementen dieser Art beurteilt werden. Die bloße Übernahme statistischer Auswertungen genügt hierfür nicht.

 

Angestellte sollten darauf achten, dass sie sich bei langjährigen Arbeitsverhältnisen beim selben Arbeitgeber von Zeit zu Zeit ein Zwischenzeugnis ausstellen lassen. Dadurch wird es dem Arbeitgeber später schwerer gemacht, nur deshalb ein schlechtes Zeugnis auszustellen, weil man sich nicht gütlich getrennt hat.

 

Sabine Prechtel war am Ende mit ihrem Zeugnis doch noch zufrieden. Sie hat es sich nämlich teilweise selbst geschrieben. Wie das geht? Nun, im Arbeitgerichtsprozeß hat sie dem Richter durch eigene Vorschläge dargestellt, wie sie sich die misslungenen Passagen ihres Zeugnisses vorstellt und konnte sich damit sehr weitgehend duchsetzen.


Sie erhielt dann ein neues Zeugnis. Es war wieder auf schönstem Büttenpapier geschrieben, der Chef hatte wieder sein

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